Romwallfahrt 2026 – Von italienischer Gelassenheit, römischer Unterwelt und päpstlicher Pracht

Freitag – Wenn fünf Taxen auf sich warten lassen

Am Freitag war wieder Polo-Tag angesagt. Das bedeutete: Wallfahrer-Polo anziehen, einigermaßen pünktlich frühstücken und ab zur nächsten Etappe unserer Romwallfahrt.

Für 9 Uhr hatte uns die Hotelrezeption zugesichert, fünf Taxen zu bestellen. Eigentlich eine überschaubare Aufgabe. Fünf Taxen, eine Uhrzeit, ein Hotel. Was sollte da schon schiefgehen? Nun ja, wir waren schließlich in Italien.

Pünktlich um neun standen alle bereit. Die Wallfahrer waren da, die Polos saßen und die Stimmung war gut. Nur eine Kleinigkeit fehlte: die Taxen. Offenbar hatten wir noch nicht ausreichend Bekanntschaft mit der berühmten italienischen Gelassenheit gemacht. Während wir Deutschen bei einer Verspätung von fünf Minuten bereits nervös auf die Uhr schauen, scheint man in Rom die Zeit gelegentlich eher als unverbindliche Empfehlung zu betrachten.

Irgendwann erschienen dann doch die ersehnten Fahrzeuge und mit entsprechender Verspätung ging es zur Basilika San Sebastiano fuori le Mura (vor den Mauern).

Unser Präses empfing uns allerdings nicht im Wallfahrer-Polo, sondern stand bereits im roten Talar bereit. Schließlich sollte bei aller Reisefreude auch die liturgische Ordnung gewahrt bleiben. Dort war ein gemeinsamer Gottesdienst vorgesehen.

Allerdings hatte die italienische Gelassenheit inzwischen auch Auswirkungen auf unseren Gottesdienst. „Wir müssen ein bisschen Gas geben und die Feier etwas einkürzen. Um elf Uhr kommt bereits die nächste Gruppe, die hier ihre Messe feiern möchte.“ Gesagt, getan. Ein paar Liedstrophen weniger, die Fürbitten kurzerhand gestrichen, und schon passte der Gottesdienst wieder in den Zeitplan. Man könnte sagen: eine Messe in der zeitoptimierten Wallfahrerversion.

Trotzdem war es ein wunderbares und bewegendes Erlebnis, gemeinsam an diesem geschichtsträchtigen Ort Gottesdienst zu feiern. Und vermutlich hat der liebe Gott auch Verständnis dafür, wenn eine Messe wegen verspäteter römischer Taxen etwas kürzer ausfällt.

Abstieg in die römische Unterwelt

Nach dem Gottesdienst ging es hinab in die Katakomben von San Sebastiano. Nun könnte man meinen, dass wir nach den vergangenen Tagen bereits genügend alte Steine, Ruinen und unterirdische Gemäuer gesehen hätten. Aber Rom hat eben auch unter der Erde einiges zu bieten.

Doch was sind Katakomben überhaupt? Dazu müssen wir geschichtlich ein wenig ausholen.

Bereits in der römischen Antike galt der Grundsatz, dass Verstorbene nicht innerhalb der Stadtgrenzen bestattet werden durften. Die Toten gehörten nach draußen, vor die Stadtmauern. Die Römer waren dabei durchaus praktisch veranlagt. Lange Zeit war die Feuerbestattung weit verbreitet. Die Asche konnte anschließend in Urnen aufbewahrt und in entsprechenden Grabanlagen beigesetzt werden. Das war platzsparend und vergleichsweise unkompliziert.

Nun gab es allerdings ein Problem.

Die jüdische Tradition bevorzugte die Bestattung des unversehrten Körpers. Auch bei den frühen Christen setzte sich die Erdbestattung durch, nicht zuletzt wegen ihres Glaubens an die Auferstehung der Toten.

Allerdings muss man dafür theologisch nicht zwingend einen vollständig erhaltenen Körper vorweisen können. Sonst hätten viele Märtyrer ein ernsthaftes Problem gehabt. Die Lösung war ebenso einfach wie genial: Man verlegte die Friedhöfe unter die Erde. Außerhalb der Stadt entstanden weitverzweigte unterirdische Begräbnisanlagen mit Gängen, Grabkammern und unzähligen Nischen für die Verstorbenen.

Der Begriff „Katakombe“ geht auf die Ortsbezeichnung ad catacumbas zurück, die ursprünglich das Gebiet bei San Sebastiano bezeichnete. Wahrscheinlich bezog sich der Name auf die dortigen Geländemulden und Vertiefungen. Erst später wurde daraus die allgemeine Bezeichnung für unterirdische Grabanlagen. Und genau in einer solchen Anlage befanden wir uns nun.

Zwölf Kilometer Gräber – und kein Tageslicht

Das Gelände bei San Sebastiano war bereits in der Antike durch den Abbau von vulkanischem Gestein und Baumaterial geprägt. Hier gewann man unter anderem Puzzolanerde, die für die Herstellung des berühmten römischen Betons verwendet wurde. Also gewissermaßen ein antiker Rohstoffabbau. Nur ohne seltene Erden, Lithium und chinesische Exportbeschränkungen.

Die vorhandenen Geländestrukturen und der relativ leicht zu bearbeitende Untergrund begünstigten später die Anlage der unterirdischen Friedhöfe. In mehreren Etagen entstanden Gänge, Grabnischen und größere Grabkammern. Über Treppen gelangte man immer tiefer in das unterirdische Labyrinth.

Sechs Meter, neun Meter, teilweise noch tiefer.

Links und rechts reihten sich die Grabnischen aneinander. Manche waren schlicht, andere aufwendiger gestaltet. Wohlhabendere Familien konnten sich größere Grabkammern mit Wandmalereien und religiösen Darstellungen leisten.

Auch unter der Erde gab es also bereits Unterschiede zwischen Arm und Reich.

San Sebastian Katakomben Bild von Tiqets da fotografieren in den Katakomben verboten ist

Die Katakomben von San Sebastiano erstrecken sich über mehrere Ebenen und umfassen ein Gangsystem von ungefähr zwölf Kilometern. Damit gehören sie keineswegs zu den größten Anlagen Roms. Insgesamt wird die Länge der römischen Katakombengänge auf mehrere Hundert Kilometer geschätzt, häufig ist von rund 500 Kilometern die Rede.

Man stelle sich das einmal vor: Unter einer Weltstadt liegt ein gewaltiges Netz aus Gängen und Gräbern. Und wir waren mittendrin. Besonders eindrucksvoll war der Bereich, der mit der Verehrung des heiligen Sebastian verbunden ist. Der römische Märtyrer wurde der Überlieferung nach hier bestattet. Seine Reliquien werden heute in der darüberliegenden Basilika verehrt. Wie bei vielen Heiligengräbern wurden Gebeine im Laufe der Jahrhunderte aus Sicherheitsgründen und zur besseren Verehrung verlegt.

Schließlich waren Reliquien über lange Zeit äußerst begehrt. Und wo etwas begehrt ist, finden sich bekanntlich auch Menschen, die es gerne mitnehmen möchten – notfalls ohne vorher zu fragen.

Nach diesem Ausflug in die römische Unterwelt waren wir jedenfalls froh, wieder ans Tageslicht zu kommen.

Öffentlicher Nahverkehr – Rom kann auch günstig

Mit dem Bus ging es anschließend zurück in die Innenstadt. An dieser Stelle muss einmal ein lobendes Wort über den öffentlichen Nahverkehr in Rom verloren werden. Für vergleichsweise wenig Geld kann man hier Busse, Straßenbahnen und Metro nutzen. Ein gewöhnlicher Einzelfahrschein kostet gerade einmal 1,50 Euro und war für 100 Minuten gültig.

Wenn man bedenkt, was bei uns eine Busfahrt von Lintorf nach Ratingen kostet, könnte man fast meinen, zwischen beiden Orten läge noch eine Landesgrenze mit Zollkontrolle.

Auch Taxifahrten erschienen uns in Rom vielfach günstiger als zu Hause. Vorausgesetzt natürlich, die bestellten Taxen kommen überhaupt. Aber das hatten wir ja inzwischen gelernt: In Rom darf man beim öffentlichen Verkehr nicht nur auf den Fahrpreis schauen. Man muss gelegentlich auch ein wenig Zeit mitbringen.

San Giovanni in Laterano – die eigentliche Kirche des Papstes

Unser nächstes Ziel war eine der vier großen päpstlichen Basiliken Roms: San Giovanni in Laterano. Was viele nicht wissen: Nicht der Petersdom ist die Kathedrale des Papstes, sondern die Lateranbasilika.

Hier befindet sich der eigentliche Bischofssitz des Bischofs von Rom. Entsprechend trägt die Kirche auch den Ehrentitel „Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises“.

Die Geschichte dieses Ortes reicht weit in die römische Kaiserzeit zurück. Ursprünglich gehörten Teile des Geländes der wohlhabenden Familie der Laterani. Unter Kaiser Nero geriet ein Mitglied der Familie in den Verdacht, an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt gewesen zu sein. Und wie wir inzwischen gelernt hatten, verstanden die römischen Kaiser bei solchen Angelegenheiten wenig Spaß. Verschwörung vermutet, Vermögen eingezogen, Grundstück weg. So einfach konnte staatliche Vermögensverwaltung damals funktionieren.

Später gelangte das Gelände in kaiserlichen Besitz. Unter Kaiser Konstantin wurde hier im frühen vierten Jahrhundert eine große christliche Basilika errichtet. In diesem Zusammenhang fiel natürlich auch wieder der Name Konstantin I. Und da war doch noch etwas mit der berühmten Konstantinischen Schenkung!

Jenem Dokument, mit dem angeblich Kaiser Konstantin dem Papst weitreichende Herrschaftsrechte über Rom und den Westen des Reiches übertragen hatte. Dumm nur, dass sich diese Urkunde Jahrhunderte später als Fälschung herausstellte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Der Lateran entwickelte sich zum wichtigsten kirchlichen Zentrum Roms und war über viele Jahrhunderte auch Sitz der Päpste. Dabei verlief seine Geschichte alles andere als friedlich.

Im fünften Jahrhundert kamen verschiedene germanische Heere nach Rom. Und deren Interesse galt weniger den theologischen Besonderheiten der Stadt als vielmehr den vorhandenen Wertgegenständen. Auch Brände, Erdbeben und andere Katastrophen setzten dem Gebäudekomplex immer wieder schwer zu. Dazu kamen zahlreiche Umbauten, Erweiterungen und Modernisierungen.

Fünf Konzile fanden zwischen dem zwölften und sechzehnten Jahrhundert im Lateran statt. Hier wurde also nicht nur gebaut und gebetet, sondern auch über grundlegende Fragen der Kirche gestritten und entschieden.

Im Laufe der Jahrhunderte erhielt die Basilika immer wieder ein neues Gesicht. Besonders der barocke Innenraum und die monumentalen Apostelstatuen beeindrucken noch heute. Man könnte sagen: Während draußen die Weltgeschichte tobte, wurde drinnen regelmäßig renoviert. Das Ergebnis kann sich allerdings sehen lassen.

Santa Maria Maggiore – noch eine Kirche, aber was für eine!

Unsere Kirchensafari war damit allerdings noch lange nicht beendet. Schließlich gibt es in Rom so viele Kirchen, dass man vermutlich mehrere Monate benötigen würde, um sie alle zu besichtigen. Wir beschränkten uns auf die bedeutenden Exemplare.

Als Nächstes stand Santa Maria Maggiore auf dem Programm, eine der wichtigsten Marienkirchen der Welt.

Der Zusatz „Maggiore“ bedeutet so viel wie „die Größere“ oder „die Bedeutendere“. Damit wird ihre herausragende Stellung unter den zahlreichen römischen Marienkirchen zum Ausdruck gebracht. Die Basilika steht auf dem Esquilin, einem der sieben berühmten Hügel Roms. Ihre Ursprünge reichen bis ins fünfte Jahrhundert zurück. Damals befand sich Rom bereits mitten in einem gewaltigen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Wandel. Die alte heidnische Götterwelt hatte ihre frühere Bedeutung verloren. Das Christentum war zur bestimmenden Religion des Römischen Reiches geworden. Und die Päpste begannen zunehmend, das Stadtbild nach ihren Vorstellungen zu prägen.

Was einst von Tempeln, Kaiserforen und Monumenten der römischen Staatsreligion bestimmt worden war, erhielt nun immer stärker ein christliches Gesicht.

Dabei gingen die Verantwortlichen durchaus pragmatisch vor.

Vorhandene Gebäude wurden umgenutzt, neue Kirchen errichtet und bedeutende Orte mit christlicher Symbolik versehen. Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Pantheon. Der ursprünglich allen Göttern geweihte antike Tempel wurde im Jahr 609 als christliche Kirche Sancta Maria ad Martyres geweiht. Man könnte sagen: Die Immobilie blieb erhalten, nur die religiöse Geschäftsführung wechselte.

Santa Maria Maggiore selbst wurde als christliche Basilika errichtet und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Orte der Marienverehrung. Im Inneren beeindrucken besonders die frühchristlichen Mosaiken, die prachtvolle Ausstattung und die gewaltigen Dimensionen des Kirchenraums.

Auch zahlreiche Päpste fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Zu ihnen gehört Papst Franziskus, der 266. Papst der römisch-katholischen Kirche, der im April 2025 verstarb. Er hatte sich ausdrücklich gewünscht, nicht im Petersdom, sondern in Santa Maria Maggiore beigesetzt zu werden. Ein vergleichsweise schlichtes Grab für einen Mann, der während seines Pontifikats immer wieder Bescheidenheit eingefordert hatte.

Nach all den prachtvollen Kirchen, Marmorverkleidungen, goldenen Decken und monumentalen Grabmälern war das durchaus ein bemerkenswerter Kontrast.

Ein langer Tag und die Frage: Wer bezahlt?

Irgendwann war aber auch an diesem Freitag unsere Aufnahmefähigkeit für Kirchen, Kaiser, Katakomben und kunsthistorische Besonderheiten erschöpft. Die Füße meldeten sich inzwischen deutlicher als der Wissensdurst.

Und so freuten wir uns am Abend auf das, was in Rom nach einem anstrengenden Besichtigungstag fast schon zum Pflichtprogramm gehört: ein gemütliches Essen in einer Trattoria. In der Nähe unseres Hotels fanden wir uns in geselliger Runde zusammen. Ein kühles Bier, ein gutes Glas Wein und dazu die Köstlichkeiten der italienischen Küche – was will man mehr? Die Stimmung war wie immer bestens. Es wurde erzählt, gelacht und über die Erlebnisse des Tages diskutiert. Schließlich hatten wir wieder einiges gesehen und gelernt.

Allerdings hatte unser Chef-Organisator Achim noch eine wichtige Mitteilung zu machen. Und die betraf ausnahmsweise weder den nächsten Treffpunkt noch die Abfahrtszeit eines Busses. Seine Ansage war kurz, klar und unmissverständlich:

„Hier muss jeder für seinen Verzehr selbst aufkommen!“

Nach all den Geschichten über die römischen Kaiser, die ihre Provinzen ausgeplündert hatten, war damit wenigstens eines geklärt: Eine solche Finanzierungsmethode kam für unsere Bruderschaft nicht infrage. Jeder zahlte selbst.

Und trotzdem schmeckten Bier, Wein und Essen hervorragend.

So ging wieder ein ereignisreicher Tag unserer Romwallfahrt zu Ende. Mit vielen neuen Eindrücken, reichlich Geschichte und der beruhigenden Erkenntnis, dass man auch ohne kaiserliche Steuereinnahmen einen wunderschönen Abend verbringen kann.