Am Morgen des dritten Tages klingelte der Wecker früh. Nein, nicht einfach nur früh, sondern sehr früh! Schließlich stand ein ganz besonderer Termin auf unserem Programm: die Generalaudienz bei Papst Leo XIV. auf dem Petersplatz.
Das bedeutete für uns natürlich auch, dass die Wallfahrer-Polos aus dem Koffer geholt wurden. Auf der Vorderseite prangte das Lintorfer Wappen, auf dem Rücken das Pfeilkreuz mit dem Schriftzug „Romwallfahrt 2026“ und dem Namen unserer Bruderschaft. Schließlich wollten wir auch im Vatikan zeigen, woher wir kamen.
Vor dem Zugang zum Petersplatz hieß es allerdings erst einmal: warten. Rund zwei Stunden standen wir vor der Sicherheitskontrolle, deren Ablauf stark an einen Flughafen erinnerte. Nur dass hier niemand nach dem Reiseziel fragte. Das war schließlich eindeutig.




Als wir endlich alle auf dem Petersplatz angekommen waren, mussten wir feststellen, dass der Bischof von Rom offenbar nicht nur uns eingeladen hatte. Gefühlt weitere 50.000 Menschen waren ebenfalls erschienen. Von einer Privataudienz konnte also keine Rede mehr sein. Aber immerhin befanden wir uns in bester Gesellschaft.
Die Begrüßung durch den Papst war herzlich und wurde von den Gläubigen begeistert aufgenommen. Auch aus anderen Ecken der riesigen Menschenmenge waren Schützen zu hören, die sich lautstark bemerkbar machten. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen Bruderschaftler, die den Weg nach Rom gefunden hatten.

Als Leo XIV. schließlich im Papamobil über den Petersplatz fuhr, kannte die Begeisterung kaum noch Grenzen. Überall wurde gewunken, gejubelt und fotografiert. Ein beeindruckender Moment, den wohl keiner so schnell vergessen wird. Auch die anschließende religiöse Feier war ein besonderes Erlebnis. Die Beiträge und Fürbitten in verschiedenen Sprachen, darunter Chinesisch und Arabisch, waren für unsere Ohren allerdings durchaus gewöhnungsbedürftig. Wobei man der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass auch die deutsche Fassung nicht gerade durch überschäumende Lebendigkeit glänzte. Sie wurde leider ziemlich monoton vorgetragen.
Nach so viel geistiger Nahrung meldeten sich schließlich auch die weltlichen Bedürfnisse. Entsprechend groß war die Freude, als wir endlich in einem Restaurant Platz nehmen konnten. Ein gutes Essen, dazu ein ordentliches Glas Wein – so lässt sich das Leben in Rom durchaus genießen. Überhaupt kann man in dieser Stadt hervorragend essen und trinken. Und wenn man dann noch mit einer so harmonischen, gut gelaunten Truppe unterwegs ist, schmeckt alles gleich doppelt so gut.
Vom Capitol in den römischen Strafvollzug
Um 14 Uhr trafen wir unsere Stadtführerin Kerstin am Capitol. Bevor wir uns in die Geschichte stürzten, erklärte sie uns zunächst die Bedeutung dieses berühmten Ortes.
Das Capitol war eines der religiösen und politischen Machtzentren des antiken Roms. Von hier aus wurde einst über ein Weltreich entschieden, dessen Bewohner das Mittelmeer nicht ohne Grund „Mare Nostrum“ – unser Meer – nannten. Dass der Begriff Capitol auch heute noch an anderer Stelle Verwendung findet, sei nur am Rande erwähnt. Ein Schelm, wer dabei an etwas Böses denkt.



Unsere nächste Station war der Mamertinische Kerker. Hier stellte uns Kerstin eine besonders einfache, wenn auch wenig menschenfreundliche Variante des antiken römischen Strafvollzugs vor.
Man stelle sich einen unterirdischen, nahezu runden Raum vor, der ursprünglich nur durch eine Öffnung in der Decke zugänglich war. Diese war ungefähr so groß wie ein ordentlicher Gullideckel. Das Verfahren war denkbar einfach: Delinquent hinein, Öffnung verschließen, fertig.
Der Überlieferung nach soll auch der Apostel Petrus hier gefangen gehalten worden sein, bevor er unter Kaiser Nero den Märtyrertod erlitt. Ob er tatsächlich in diesem Kerker saß, ist historisch nicht gesichert. Der Eindruck, den diese düsteren Räume hinterlassen, ist allerdings auch ohne endgültigen Beweis beklemmend genug.
Die Trümmersafari beginnt
Anschließend begann das, was man wohl am treffendsten, als unsere große „Trümmersafari“ bezeichnen konnte.
Vom Forum Romanum ging es vorbei an den Kaiserforen, darunter dem Trajansforum, weiter in Richtung Palatin. Natürlich bergauf. Schließlich hatten die alten Römer ihre wichtigsten Gebäude bevorzugt auf Hügeln errichtet. Vermutlich, damit spätere Reisegruppen auch etwas für ihre Kondition tun konnten.
Oben angekommen, standen wir vor den gewaltigen Überresten der kaiserlichen Palastanlagen. Was heute wie eine Ansammlung mächtiger Ziegelmauern aussieht, war einst der Inbegriff von Luxus, Reichtum und imperialer Macht.


Kerstin verstand es hervorragend, uns diese längst vergangene Welt wieder lebendig werden zu lassen. „Ihr müsst euch vorstellen, dass all diese Mauern früher mit kostbarem Marmor verkleidet oder aufwendig verputzt und bemalt waren. Die Decken waren mit kunstvollen Holzkassetten geschmückt. Dazu gab es Fußbodenheizungen, fließendes Wasser, prächtige Brunnen und praktisch alles, was das Herz begehrte.“
Man konnte sich gut vorstellen, dass es sich die römischen Kaiser durchaus angenehm eingerichtet hatten. An Komfort mangelte es jedenfalls nicht. Blieb nur die Frage: Wer hat das alles bezahlt?
Kerstins Antwort fiel ebenso kurz wie einleuchtend aus: Im Wesentlichen diejenigen, die von Rom erobert worden waren.
Die eroberten Provinzen lieferten Steuern, Rohstoffe, Arbeitskräfte und Kriegsbeute. Der Reichtum des Imperiums beruhte zu einem erheblichen Teil auf der wirtschaftlichen Ausbeutung seiner Herrschaftsgebiete. Als die Expansion an ihre Grenzen stieß und später immer mehr Provinzen verloren gingen, geriet dieses System-Rom zunehmend unter Druck.
Natürlich hatte der Niedergang des Römischen Reiches noch zahlreiche weitere politische, militärische und wirtschaftliche Ursachen. Aber eines wurde uns deutlich: Auch das mächtigste Weltreich kann nicht auf Dauer mehr ausgeben, als es einnimmt.
Die Dimensionen des Niedergangs waren gewaltig. Zur Blütezeit lebten in Rom vermutlich rund eine Million Menschen. Nach dem Bau der Aurelianischen Stadtmauer im dritten Jahrhundert schrumpfte die Bevölkerung über mehrere Jahrhunderte dramatisch. Zeitweise waren es nur noch einige Zehntausend Einwohner. Was zurückblieb, waren riesige, teilweise verlassene Stadtgebiete und Gebäude, für die niemand mehr Verwendung hatte.
Wie aus Weltgeschichte ein Steinbruch wurde
Was geschah eigentlich mit all den prachtvollen Tempeln, Palästen und öffentlichen Gebäuden des Forum Romanum? Auch darauf hatte Kerstin eine Antwort.
Mit dem Niedergang der antiken Stadt begann ein jahrhundertelanger Prozess des Verfalls und der Wiederverwertung. Kriege, Plünderungen und Zerstörungen hinterließen ihre Spuren. Doch längst nicht alles fiel den Vandalen oder anderen Eroberern zum Opfer.
Vieles erledigten die Römer im Laufe der Zeit selbst.
Holz wurde zum Heizen und Kochen gebraucht. Metallene Verbindungsklammern, mit denen einst die Marmorplatten befestigt waren, wurden herausgebrochen und eingeschmolzen. Was noch brauchbar war, fand andernorts eine neue Verwendung. Aus den prächtigen Bauwerken der Antike wurde nach und nach ein riesiger Steinbruch.

Besonders in der Renaissance und beim Bau neuer Kirchen und Paläste griff man gerne auf das vorhandene Material zurück. Auch für den Neubau des Petersdoms wurden antike Baustoffe wiederverwendet. Marmor landete in Kalköfen, um daraus Baukalk herzustellen. Bronzene Kunstwerke wurden eingeschmolzen, um Glocken, Kanonen oder andere Gegenstände daraus zu gießen.
Wo einst Senatoren diskutierten und Kaiser ihre Macht demonstrierten, weideten später Kühe und Ziegen. Das Forum Romanum wurde zeitweise sogar als „Campo Vaccino“, also Kuhweide, bezeichnet. Im Laufe der Jahrhunderte lagerten sich gewaltige Mengen Schutt und Erde ab. Das Bodenniveau stieg stellenweise um mehrere Meter. Aus ehemaligen Erdgeschossen wurden Kellerräume, und ganze Straßenzüge verschwanden unter den Ablagerungen. Man muss sich das einmal vorstellen: Die Römer hatten eine Weltstadt geschaffen, und ihre Nachfahren nutzten große Teile davon irgendwann als Steinbruch und Viehweide.
Brot und Spiele – das Kolosseum
Natürlich durfte bei unserer Trümmersafari eines der bekanntesten Bauwerke der Welt nicht fehlen: das Kolosseum.
Ein architektonisches Meisterwerk, ein Symbol römischer Macht und Unterhaltungskultur, aber auch ein Ort, an dem Menschen und Tiere zur Belustigung der Zuschauer ihr Leben lassen mussten.
Der Bau begann um das Jahr 72 nach Christus unter Kaiser Vespasian. Bereits 80 nach Christus wurde das gewaltige Amphitheater unter seinem Sohn Titus eingeweiht. Rund 50.000 Zuschauer fanden hier Platz. Durch etwa 80 Eingänge konnten die Menschen erstaunlich schnell in das Gebäude gelangen und ihre Plätze erreichen. Eine organisatorische Meisterleistung, die selbst heutigen Stadionplanern Respekt abverlangen dürfte. Auch die Bühnentechnik war für damalige Verhältnisse sensationell. Mit ausgeklügelten Aufzügen, Seilzügen und Falltüren konnten Tiere, Gladiatoren und Kulissenteile überraschend in der Arena erscheinen. In der Frühzeit sollen sogar Wasserspiele und möglicherweise nachgestellte Seeschlachten stattgefunden haben. Spätestens mit dem Ausbau der unterirdischen Anlagen war damit allerdings Schluss.

Finanziert wurde das gewaltige Bauprojekt auch durch die Beute aus dem jüdischen Krieg, insbesondere nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus. Wieder einmal zeigte sich, auf welcher wirtschaftlichen Grundlage der römische Luxus häufig beruhte. Das System-Rom.





Besonders interessant waren für uns die Treppenanlagen zu den Zuschauerrängen. Aus heutiger Sicht könnte man die Stufen durchaus als sportlich bezeichnen. Andere würden vermutlich eher das Wort „halsbrecherisch“ verwenden. Kerstin brachte das Problem wieder einmal treffend auf den Punkt: Hätte man beim Bau die heutigen deutschen Normen für Treppenstufen zugrunde gelegt, hätte das Gebäude erheblich größere Treppenanlagen benötigt. Die alten Römer hatten eben andere Vorstellungen von Bequemlichkeit. Und vermutlich auch weniger Probleme mit Bauvorschriften.
Nach insgesamt rund zwölf Kilometern Fußmarsch, unzähligen Treppenstufen bergauf und bergab sowie einer geballten Ladung römischer Geschichte waren wir uns jedenfalls alle einig:
Jetzt reicht es!
Die anschließende Einkehr in ein Restaurant war mehr als verdient. Und selten hat das erste Bier so herrlich geschmeckt wie an diesem Abend.
Vatikanische Museen – Kunst, Kultur und ein genialer Achim
Ein Besuch der Vatikanischen Museen gehört zum Pflichtprogramm einer Romwallfahrt. Schließlich beherbergen sie eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt.
Einige besonders unternehmungslustige Frühaufsteher hatten sich zuvor bereits auf den Weg gemacht, um den Petersdom zu besichtigen. Andere sammelten lieber noch etwas Kraft für das, was uns bevorstand.

Vor den Vatikanischen Museen bot sich dann das inzwischen vertraute Bild: Menschen, Menschen und nochmals Menschen. Die Warteschlangen zogen sich Hunderte Meter an der Vatikanmauer entlang. Wer hier ohne Vorbestellung auftauchte, musste offensichtlich eine gehörige Portion Geduld mitbringen. Aber wir hatten ja unseren Achim! Der hatte die Eintrittskarten bereits von Lintorf aus organisiert. Während sich andere Besucher geduldig in die langen Schlangen einreihten, konnten wir nahezu majestätisch daran vorbeimarschieren. Keine Viertelstunde später standen wir im Museum.
Die Vatikanischen Museen gehören zu den bedeutendsten Museen der Welt. Ihre Sammlungen reichen von der Antike über die Renaissance bis in die Neuzeit. Unzählige Kunstwerke, Skulpturen, Wandgemälde und kostbare Gegenstände zeugen von der Geschichte der Kirche und der europäischen Kunst.


Der wohl berühmteste Teil des gesamten Komplexes ist jedoch die Sixtinische Kapelle. Sie wurde im 15. Jahrhundert unter Papst Sixtus IV. errichtet und trägt bis heute seinen Namen. Ihre Wände wurden von einigen der bedeutendsten Renaissancekünstler gestaltet, darunter Botticelli, Perugino und Ghirlandaio.
Das eigentliche Meisterwerk befindet sich allerdings über den Köpfen der Besucher. Michelangelo schuf zwischen 1508 und 1512 auf einer Deckenfläche von rund 520 Quadratmetern eines der berühmtesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. In gewaltigen, teilweise mehrere Meter großen Figuren stellte er Szenen aus der Genesis, dem ersten Buch des Alten Testaments, dar. Dazu kommen Propheten, Sibyllen und zahlreiche weitere Gestalten. Das wohl bekannteste Motiv ist die „Erschaffung Adams“. Jene berühmte Darstellung, bei der sich die ausgestreckten Finger Gottes und Adams beinahe berühren.

Ein Bild, das vermutlich jeder schon einmal gesehen hat. Ob auf Kaffeetassen, Postkarten, Geschenkpapier oder als Tapete im Wohnzimmer – Michelangelos Meisterwerk hat längst seinen Weg in den Alltag gefunden.
Aber das Original hoch oben an der Decke der Sixtinischen Kapelle zu betrachten, ist dann doch etwas völlig anderes. Da kann selbst die schönste Kaffeetasse nicht mithalten.
Ein freier Nachmittag und ein Geburtstag ohne Geburtstagskind
Nach so viel Kunst, Kultur und Geschichte stand der restliche Nachmittag zur freien Verfügung. Einige nutzten die Gelegenheit, um auf eigene Faust noch ein wenig durch die römische Altstadt zu schlendern. Andere hatten inzwischen genügend Kirchen, Museen und antike Steine gesehen und freuten sich einfach darauf, im Hotel einmal die Füße hochzulegen. Auch das gehört schließlich zu einer gelungenen Wallfahrt.


Am Abend traf man sich dann wieder in geselliger Runde. Und wie es sich für eine ordentliche Bruderschaft gehört, dauerte es nicht lange, bis die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Irgendwann wurde sogar Geburtstag gefeiert. Das Bemerkenswerte daran: Es hatte überhaupt niemand Geburtstag! Gesungen wurde trotzdem. Und zwar mit einer solchen Überzeugung, dass selbst der Wirt offenbar keinen Zweifel daran hatte, hier gerade Zeuge eines besonderen Ehrentages zu werden. Jedenfalls ließ er sich nicht lumpen und spendierte eine Runde Grappa.
Man braucht nur eine gut gelaunte Reisegruppe, ein überzeugend vorgetragenes Geburtstagsständchen und einen großzügigen Wirt.
Und genau daran mangelte es uns nicht.